Künstler*innen kuratieren Kunstausstellungen.

Im Neuen Kunstraum haben sich zwei Künstler*innen-Duos zusammengefunden, die unterschiedliche Auffassungen vertreten und somit konsequenterweise auch in ihrer Arbeit zu jeweils anderen künstlerischen Ergebnissen kommen. Gemeinsam ist uns die feste Absicht den Neuen Kunstraum gemeinsam zu leiten.
Schlüpfen wir hiermit automatisch in die Rolle des Kuratierenden, der oft selber zur bevormundenden Mittelpunktfigur von Kunstausstellungen mutiert? Ganz und gar nicht, denn wir denken, dass Künstler*innen mit Künstler*innen grundsätzlich anders kommunizieren als Künstler*innen mit Kurator*innen. Zeigen sich Künstler*innen befähigt das Minenfeld kleingläubiger Konkurrenz untereinander zu verlassen, so begegnen sie sich auf Augenhöhe und schaffen gemeinsam Platz für einen freien Blick auf künstlerische Arbeiten und deren Ausstellungsmöglichkeiten. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang sinnvoll, nicht mehr von kuratieren zu sprechen, sondern von gemeinsam mit Künstler*innen Ausstellungen begleiten und entwickeln.
Im Bewußtsein, dass manifesthafte Texte über Kunst anachronistisch anmuten könnten, haben wir uns trotzig in der bewegten Geschichte der Künstler-Manifeste des 20. Jahrhunderts umgesehen und:
einen Text von Claes Oldenburg von 1961 entdeckt, der auf intelligente, kraftvoll subjektive, poetisch wortgewandte und humorvolle Weise die zügellos wuchernde Brache des Kunstschaffens treffend benennt.
Obwohl der Text vor fast 60 Jahren geschrieben wurde, stellen wir fest, dass die Kunst, die wir uns wünschen (und das bei allen Differenzen!) im Text Oldenburgs eine zündende, nach wie vor aktuelle und evidente Sprachform gefunden hat.
Und jetzt werden wir den Neuen Kunstraum fortführen, weiterhin selber künstlerisch produzieren, Ausstellungshonorare an die Kolleg*innen zahlen und nach voraussichtlich vier Jahren die Leitung an andere Künstler*innen übergeben. Immer versuchen, offen, konstruktiv und streitbar zu bleiben für das, was wir muskulös hochhalten:
Die olle Kunst.

Claes Oldenburg
Ich bin für eine Kunst
Ich bin für eine Kunst, die politisch-erotisch-mystisch ist, die etwas anderes tut, als im Museum auf ihrem Arsch zu sitzen.
Ich bin für eine Kunst, die sich entwickelt, ohne überhaupt zu wissen, daß sie Kunst ist, eine Kunst mit der Chance, am Punkt Null anzufangen.
Ich bin für eine Kunst, die sich mit dem alltäglichen Dreck herumschlägt und am Ende trotzdem obenauf ist.
Ich bin für eine Kunst, die das Menschliche imitiert, die komisch ist, falls nötig, oder gewalttätig oder was sonst gerade notwendig ist.
Ich bin für eine Kunst, die ihre Form von den Linien des Lebens nimmt, die sich windet und verlängert und zunimmt und spuckt und tropft, und so schwer und grob und derb und dumm ist wie das Leben selbst.
Ich bin für Künstler, die verschwinden und in weißer Mütze wieder auftauchen, Schilder oder Hausflure anmalend.
Ich bin für eine Kunst, die aus dem Kamin kommt wie schwarzes Haar und im Himmel zerstiebt.
Ich bin für eine Kunst, die aus der Börse eines alten Mannes fällt, wenn er von einem vorbeifahrenden Kotflügel abprallt.
Ich bin für eine Kunst aus dem Maul eines Hundes, der fünf Stockwerke tief vom Dach fällt.
Ich bin für eine Kunst, die ein Kind abschleckt, nachdem es das Papier abgepellt hat.
Ich bin für eine Kunst, die wackelt wie die Knie aller Leute, wenn der Bus über eine Grube fährt.
Ich bin für eine Kunst, die geraucht wird wie eine Zigarette und riecht wie ein Paar Schuhe.
Ich bin für eine Kunst, die flattert wie eine Fahne oder beim Naseputzen hilft wie ein Taschentuch.
Ich bin für eine Kunst, die man sich an- und auszieht wie Hosen, die Löcher kriegt wie Socken, die man ißt wie ein Stück Kuchen oder schmählich zurückläßt wie ein Stück Scheiße.
[…]
Ich bin für eine Kunst der Kratzzeichen im Asphalt und den Schmierereien an den Wänden. Ich bin für eine Kunst des Metallbiegens und -kickens, für die Kunst, Glas zu zerbrechen und an Sachen zu zerren, damit sie hinfallen.
Ich bin für eine Kunst des Boxens und aufgeschlagener Kniee und plattgesessener Bananen. Ich bin für die Kunst von Kindergerüchen. Ich bin für die Kunst des Mama-Geplappers. Ich bin für die Kunst des Bargeplappers, Zahngestochers, Biertrinkens, Eiersalzens, Anblaffens. Ich bin für eine Kunst, vom Barhocker zu fallen.
[…]
Ich bin für die Kunst leicht verfaulter Begräbnisblumen, aufgehängter blutiger Karnickel und verschrumpelter gelber Hühner, der Baßtrommeln & Tamburine und Plattenspieler aus Plastik.
Ich bin für eine Kunst herrenloser Pappkisten, die wie Pharaonen zusammengewickelt sind.
Ich bin für eine Kunst der Wassertanks und eilenden Wolken und flatternden Schatten.
Ich bin für regierungsamtlich geprüfte Kunst, Gütesiegel-A-Kunst, Listenpreis-Kunst, goldgelb gereifte Kunst, Extrazart-Kunst, Fertiggericht-Kunst, Kauf- und Sparkunst, Gut-und-Billig-Kunst, Gesünder-leben-Kunst, Schinkenkunst, Schweinskunst, Hühnchenkunst, Tomatenkunst, Bananenkunst, Apfelkunst, Putenkunst, Tortenkunst, Kekskunst.
Zusatz:
Ich bin für eine Kunst, die glattgekämmt wird, die von den Ohren hängt, die auf die Lippen und unter den Augen aufgetragen wird, die von den Beinen rasiert wird, die auf die Zähne gebürstet wird, die an den Schenkeln festgemacht wird, die den Füßen übergestreift wird.
Quadrat, das klumpig wird.
1961

Wetterleuchten! Künstler-Manifeste des 20. Jahrhunderts, Edition Nautilus, Hamburg, 2000